Thorsten Ebeling
über die Künstlerin Cordula Sauer
und den Chemiker und Physiker Michael Faraday
2012

www.t-ebeling.de

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Michael Faraday bemerkte unvermittelt ein Stechen im unteren Rücken. Wahrscheinlich waren die Schmerzen dort in den letzten Stunden umbemerkt stärker geworden, um nun, wo ihn die Müdigkeit schwächte, an die Oberfläche des Bewusstseins zu drängen.

Oktober 1831.

Seit Tagen arbeitete er an einem Versuchsaufbau. Auf seinem Arbeitstisch waren einfache Gegenstände scheinbar spielerisch miteinander verflochten: ein großer Eisenring, Kupferdrähte, Nadeln, Holzstücke. Daneben befand sich eine Stromquelle.
Michael Faraday hatte wieder und wieder kleinste Veränderungen an den Eigenschaften und der Konstellation seiner Materialien vorgenommen. Unzählige Male wiederholte er seine Handgriffe. Und während er dies tat, beobachtete er, so aufmerksam und genau wie möglich. Es galt, alle Auswirkungen dieser vielen kleinen Eingriffe wahrzunehmen, auch die unscheinbarsten.

Er wusste zwar, dass er sich auf seine Intuition verlassen konnte. An sich selbst hatte Michael Faraday beobachtet, dass er die tieferen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erahnen vermochte, lange bevor sie durch genau beschriebene und wiederholbare Experimenten festzumachen waren.
Doch war es unabdingbar, dass er sich von dieser traumwandlerischen Gabe zu eindeutig sichtbaren, bewusst wahrgenommenen Entdeckungen führen ließ. Solche Momente gab es nicht oft, sie erschienen ohne jede Ankündigung, inmitten zahlloser gleichförmiger Arbeitsstunden im Labor.
Für diese unvorhersehbaren Ereignisse muss die Aufmerksamkeit des Experimentators stets auf alles gefasst sein. Sie ist die eigentliche Quelle der Erkenntnis beim schrittweisen Erkunden der unverstandenen Bereiche der Naturerscheinungen.
Solch ein Leuchtfeuer in einer angemessenen Qualität fortwährend lebendig zu halten, dieses innere Licht ständig kritisch im Blick zu haben – das war die große Herausforderung.

Und die Momente selbst, in denen sich eine Entdeckung anbahnt: alles ist flüchtig und zart, es muss mit leichter Hand und doch sehr genau gearbeitet werden. Als gelte es, zwischen sanft bewegten Seidenvorhängen die feine Trennlinie eines Durchgangs zu erahnen und mit behutsamster Geste so zu verschieben, dass für einen kurzen Augenblick hindurchgeblickt werden kann. Schon ein unvorsichtiges Atmen würde den kaum erkennbaren Übergang mit einem Kräuseln und Aufwallen wieder zum Verschwinden bringen.

Michael Faraday hatte sich von seinem Versuchsaufbau abgewendet. Er lehnte an der Fensterbank, trank Wasser und blickte hinaus, ohne das Erschaute wahrzunehmen. Es war ein heiterer Herbsttag. Die Baumkronen bewegten sich sanft im Sonnenlicht … buntes Herbstlaub … Spaziergänger, die sich unterhalten …
Er räusperte sich. Trotz der Verkrampfung im Rücken waren seine Gedanken unablässig bei dem zuletzt durchgeführten Versuch. Fast meinte er, die vertrauten Gegenstände zu berühren: den Draht, aber nun mit doppelter Windung … dort hindurch … das Gegenstück rechtwinklig versetzen …
Als er wieder an seinen Experimentiertisch zurückkehren wollte, wurde ihm schwindelig. Michael Faraday zögerte einen Moment, dann entschloss er sich, dieses Unwohlsein einfach zu ignorieren – wie er es schon oft getan hatte, wenn ihn die Erschöpfung zu überwältigen drohte; das würde bald aufhören.

Er machte einen weiteren Schritt, und vollkommen unerwartet fand er sich seitlich hinter einer Frau, die zwischen ihm und seinem Arbeitstisch sitzend an einem eigenartigen Versuchsaufbau arbeitete: ein Gestell mit einer senkrecht montierten, rechteckigen Platte, auf der Michael Faraday seltsame Muster erblickte. Während er noch bemüht war, das, was er sah, zu deuten, bemerkte er einen Mann, der sich mit langsamen Schritten von ihm wegbewegte.
Woher … er war doch allein in seinem Labor gewesen, Besucher waren nicht angemeldet und auch nicht zu erwarten. Und nun plötzlich zu dritt!

Michael Faraday war erfüllt von einer eigentümlichen inneren Ruhe … er spürte große Leichtigkeit, fast ein Schweben. Unbeweglich stand er in seinem Labor, vergessen waren die Rückenschmerzen. Die Hände und Arme sanken nach unten, sein Blick war geweitet und umfasste den gesamten Raum.
Rechts vor ihm war der unbekannte Besucher am Labortisch angelangt und begann, den Versuchsaufbau abzuändern. Er machte genau die Handgriffe, die Michael Faraday eben noch in Gedanken durchgegangen war. Schauend konnte er die Materialien spüren, als würde er sie selbst berühren und bewegen.
Jetzt den linken Arm ausstrecken, um die Stromquelle leicht zu drehen … in drei Metern Entfernung wurde der linke Arm bewegt und das Gerät ein wenig verschoben.

Die Frau erhob sich und entfernte sich rückwärts gehend zwei, drei Schritte von ihrem Platz. Offenbar ohne ihn wahrzunehmen, stand sie nun neben Michael Faraday. Der blickte mit Cordula Sauer auf das fast fertige Bild.

Sie war müde und unzufrieden. Nicht nur, dass sie dieses Bild schon mehrmals stark überarbeitet und verändert hatte – es wollte ihr diesmal einfach nicht gelingen, jenen distanzierten Blick zu aktivieren, mit dem sie die besondere Botschaft eines Bildes lesen kann, die vagen Anzeichen, die leisen Signale, dass sich alles im Gleichgewicht befindet und die Arbeit getan ist.
War dieser fein ausbalancierte Zustand unbemerkt erreicht worden – und beim Weitermalen dann wieder ganz aus den Fugen geraten, vielleicht sogar unwiederbringlich?

Ihr Material: die menschliche Figur, Muster, Pflanzenformen, Zeichen und Symbole. Wie immer hatte Cordula Sauer auch bei diesem Bild wieder und wieder kleinste Veränderungen an den Eigenschaften und der Konstellation ihrer Materialien vorgenommen – durch Mischen, Umformen, Verschieben, Übermalen. Sie hatte Flächen mit Mustern überzogen und dadurch zum Leuchten gebracht.
Gleichzeitig hatte sie das Malen selbst im Blick - ein nach innen gewendetes, immer wieder scharf zu stellendes Fokussieren. Diese beständige Aufmerksamkeit registrierte ohne jede Wertung alles, was sich im Bild entwickelte – und sei es noch so unscheinbar. Es ging darum, dem wortlosen Prozess der Bildfindung eine Form zu geben, mit einem Anfang und einem Ende.
Auf diese Weise hatte Cordula Sauer dem eigenwilligen Wachstum ihrer Bilder mit seinen unvorhersehbaren Transformationen stets einen klaren Standpunkt entgegensetzen können.
Heute war es ihr jedoch nicht gelungen, diese nach innen gerichtete Aufmerksamkeit durchzuhalten: die schön anzuschauenden Neukombinationen der Bildelemente kugelten mit quecksilbriger Beliebigkeit ineinander.

Michael Faraday betrachtete das Bild.

Camouflagewald, 2011, Öl u. Acryl auf Leinwand, 63 x 75 cm

Die rechte Bildhälfte wurde durchzogen von einem senkrecht verlaufenden hellgrünen Band. Nur die in Bögen sich überkreuzenden Äste im oberen Viertel des Bildes – die erkennbar zu anderen, im Hintergrund stehenden Bäumen gehörten – machten aus der auffälligen schlanken Form im Vordergrund einen weiteren Baumstamm. Der endete an den Bildrändern wie abgeschnitten, während bei den Bäumen weiter hinten die Übergänge zum Boden dargestellt waren. Michael Faraday dachte an ein Haar, das er einmal durch ein Mikroskop betrachtet hatte, und die leuchtende Farbe erinnerte ihn an das gasförmige Element Chlor.
Er hatte nicht einen Augenblick gezögert, das Ganze als einen lichten Wald oder einen Park zu deuten. Aber was genau erzeugte hier den Eindruck, dass es sich um eine Darstellung der Natur handelte? Das Licht? Unter den Bäumen jedenfalls war es unnatürlich hell. Schatten wurden nur angedeutet: bei den Rundungen der Baumstämme, dem Faltenwurf der Stoffe und in den Gesichtern.
Diese Helligkeit herrschte auf der gesamten Bildfläche. Vielleicht war es ein weißer Malgrund, der durch ungleichmäßig und dünn aufgetragene Farbflächen hindurchschien. Irgendetwas machte die Dinge auf dem Bild substanzlos und fern … sie waren wie der zart bewegte Schattenwurf von Zweigen und Blättern auf einer gekalkten Mauer.

Um das hellgrüne Band herum schienen unregelmäßig geformte, ineinander greifende Flächen einen mit Herbstlaub bedeckten Waldboden darzustellen. Michael Faraday hatte für einen Augenblick den Eindruck von räumlicher Tiefe: die bunten Flecken wurden vom unteren Bildrand bis hinauf zur Bildmitte kleiner, ihre Umrisse einfacher.
Dieser Eindruck wurde jedoch zunichte gemacht durch die bunte Kleidung des Mannes und das Muster, das hinter dem grobmaschigen Gewebe der Äste das obere Drittel des Bildes hinterlegte.
Auf dem Hemd des Mannes befand sich nämlich ebenfalls dieses Waldboden-Muster, nur kleinteiliger und ohne jede Tiefenwirkung. Gleichzeitig war das obere Drittel des Bildes mit einer Variation dieses Musters hinterlegt, die Michael Faraday sich am unteren Bildrand als Fortsetzung des Bodens zum Betrachter hin hätte vorstellen könnte. Als wäre dieses an der Unterkante gedachte Stück Waldboden hinter dem Bild nach oben geführt und über das obere Drittel geschoben worden.
Die Illusion von Räumlichkeit wurde auf diese Weise hervorgerufen und gleichzeitig zurückgenommen. Michael Faraday schien sie deswegen wie einen davonhuschenden Schatten zu sein, wie die Illusion einer Illusion. Oder wie eine unerfüllte Sehnsucht.

Was war eigentlich mit der abgebildeten Frau? Neugierig gemacht von der eigentümlichen Überlagerung ihrer Hand mit der rechten Hand des jungen Mannes schob Michael Faraday in Gedanken dessen gesamte Figur wie ein Scherenschnitt kurzerhand ein gutes Stück nach links an den Bildrand – aha! Es war gar nicht so einfach, den Umriss dann wieder an die richtige Stelle zurückzubewegen … vielleicht könnte man ihn rechtwinklig versetzt an den unteren Rand …

Als schlüpfe er in einen Anzug, verschmolz Michael Faraday mit seinem Ebenbild, das vor ihm am Labortisch stand – fast ohne es zu bemerken, denn seine Aufmerksamkeit war wieder bei der Versuchsanordnung. Ganz kurz blickte er auf seinen eigenen Arme … als seien es die eines Fremden … dann fragt er sich, ob der Eisenring vielleicht zu klein geraten war. Und schon waren diese beiden anderen Personen in seinem Labor nahezu vergessen. Die Erschöpfung, Michael Faraday kannte das schon. Vielleicht sollte er für heute Schluss machen und gehen. Aber hatte er tatsächlich alle Möglichkeiten untersucht?

Ralf Wollheim
2000

In Cordula Sauers Atelier in Baruth hängen fertige und begonnene Landschaftsbilder,die auf den ersten Blick das idyllische Urstromtal der Mark Brandenburg in der Umgebung des Hauses wiedergeben. Doch die malerischen Baumgruppierungen, die Licht durchfluteten Waldränder lösen sich bei näherem Hinsehen in grobe Farbschlieren auf. Die rein malerischen Strukturen und opaken Farben, in kräftigen Pinselschwüngen aufgetragen, ergeben fast abstrakte Bilder in Grün mit weißen oder schwarzen Überlagerungen. Die Balance zwischen gegenständlichem Motiv und den eingesetzten malerischen Mitteln ergibt faszinierende, eigenständige Bildwelten, die sowohl mit den Konventionen der Landschaftsdarstellung, als auch denen der abstrakten Malerei spielen.

Die Fotos in ihrem Buchobjekt „Revue“ sind ebenfalls in der Natur angesiedelt. Darin werden unterschiedliche Aufnahmen der brandenburgischen Landschaft von einem schattenhaften Wesen überlagert. Erst bei näherem Hingucken erkennt man, dass es sich um eine weibliche Figur handelt, die in mehreren Ansichten zu sehen ist. Die Posen der nackten Frau ähneln dabei denen eines Aktmodells. Auch in der seriellen Reihung der einzelnen Fotos – die Arbeit entstand aus einer Diainstallation mit langsamen Überblendungen – bleibt eine Drehung der Gestalt in der Landschaft angedeutet. Doch die Ahnung einer Bewegung und die Platzierung der Figur ohne direkten Bezug zu der Umgebung irritiert.

Wie in vielen Arbeiten Cordula Sauers bleibt hier eine Ambivalenz zwischen den Bildebenen und dargestelltem Raum bestehen.

Gelegentlich tauchen auch in ihren Landschaftsgemälden nackte, sitzende oder stehende Figuren auf, die aber in der gemalten Variante ebenso eigenartige Fremdkörper in den Bildern bleiben.

Die Verwandlung von gegenständlichen Motiven in ihre eigenen teilweise fast abstrakten Kompositionen bestimmt Cordula Sauers Arbeiten seit ihrer Studienzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie. Werbung, typografische Elemente und Farbfelder fließen in die Kompositionen ein, öffnen und versperren den Bildraum gleichzeitig. Betont flächig gemalt überlagern sich die Bildsubjekte und unterlaufen dadurch den reinen Abbildcharakter. Die Räumlichkeit der Gemälde oszilliert dabei zwischen scheinbarer Tiefe und der konkreten Ebene der Darstellung, der Leinwand.

Im Kontext ihrer anderen künstlerischen Arbeiten gesehen, ist die Fotoserie in „Revue“ keine Übung mit digitalen Medien oder eine computerisierte Gestaltung künstlicher Welten, sondern eine weitergeführte Auseinandersetzung mit den bildnerischen Mitteln. So treffen sich die gänzlich unterschiedlichen Medien Malerei und Fotografie in Cordula Sauers Atelier.

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